„Irgendwann habe ich aus Spaß zu einem Kollegen gesagt: ‚Wenn mir das hier alles zu doof wird, dann werde ich Lokführer.‘“

Für Holger Hansens Arbeitsleben gibt es von Anfang an keinen geregelten Fahrplan. Immer wieder stellt er die Weichen neu – zuletzt mit Mitte 50. Statt in seinem inzwischen zur Routine gewordenen Job als Lehrer in den Vorruhestand zu gehen, entscheidet er sich für einen Neuanfang als Lokführer.
Holger Hansen wächst in den 1970er-und 1980er-Jahren in gutbürgerlichem Hause in Flensburg auf. Hier im nördlichen Schleswig-Holstein, direkt an der dänischen Grenze, besucht er das Gymnasium und macht sich ansonsten keine allzu großen Gedanken um seine Zukunft. Obwohl sowohl sein Großvater als auch drei seiner Onkel bei der Deutschen Bahn beschäftigt sind, kommt ihm damals nie der Gedanke, ebenfalls zur Bahn zu gehen. „Ich fand Züge immer toll“, sagt er, „aber auf die Idee, selbst einen zu fahren bin ich nie gekommen.“ Und das sollte sich auch erst mehr als 40 Jahre später ändern.
Ich fand Züge immer toll, aber auf die Idee, selbst einen zu fahren bin ich früher nie gekommen.
Holger Hansen
Zwei Jahre auf See
Nach dem Abitur, also der deutschen Matura, will Holger seinen Wehrdienst ableisten. Mehr noch: Er verpflichtet sich für zwei Jahre bei der deutschen Marine und fährt von 1989 bis 1990 auf einem Kriegsschiff zur See. Seine Hauptaufgabe: Radarbeobachtung, Lagebilderstellung und der Funkkontakt mit anderen NATO-Einheiten. Unzählige Stunden verbringt er in der Operationszentrale und unzählige mehr mit dem Fernglas am Oberdeck – so auch in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, als in Berlin die Mauer fällt.Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich es durch.

Die Zeit bei der Marine war eine interessante Episode in meinem Leben.
Holger Hansen
Im Osten alles neu
„Die Zeit bei der Marine war eine interessante Episode in meinem Leben“, sagt Holger rückblickend, doch bei der Bundeswehr zu bleiben steht für ihn nicht zur Debatte. Stattdessen absolviert Holger in seiner Heimatstadt eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Kurze Zeit später kommen Angebote aus dem ehemaligen Osten. Es werden Mitarbeitende gesucht, die das Bankwesen auf westlichen Stand bringen sollen. Holger geht zunächst nach Schwerin und später nach Wittenberge, wo er als Kundenbetreuer Finanzierungsgeschäfte abwickelt und auch Lehrlinge ausbildet. Sein Ziel ist es, eine kleinere Bankfiliale zu übernehmen. Doch schon damals zeichnet sich ab, dass es solche Institute nicht mehr lange geben wird.
Auf in den Norden
Gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und heutigen Frau Petra entscheidet sich Holger Ende 1997 für einen Reset. Er kündigt, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben. Das nächste halbe Jahr nutzt Holger, um sich Gedanken darüber zu machen, was er aus seinem Leben machen will. In dieser Zeit reift der Gedanke, zurück in Richtung Heimat zu ziehen. Zunächst stehen alle Zeichen auf Schleswig-Holstein. Doch schlussendlich beschließt das Paar einen Schritt weiter zu gehen und gleich nach Dänemark zu ziehen.

Der Weg in die Pädagogik
Eine der neuen Nachbarinnen in Dänemark unterrichtet an der „Folkeskole“ in dem Ort, in dem Holger wohnt. Diese Schulform ist eine Art Gesamtschule, die alle Kinder gemeinsam bis zur neunten oder zehnten Schulstufe absolvieren. Bald wird der sportliche junge Mann gefragt, ob er Interesse hätte, dort Vertretungsstunden im Sportunterricht zu geben. Auch als Deutschlehrer wird Holger an der Schule gebraucht. Die Arbeit mit den Kindern macht ihm Spaß. Also entscheidet er sich, diese Aushilfstätigkeit zu seinem Beruf zu machen. Er absolviert ein Lehramtsstudium und unterrichtet ab 2005 regulär Mathematik, Sport, Geografie und Deutsch als Fremdsprache. Wenige Jahre später ergänzt er seinen Fächerkanon mit einer Zusatzausbildung in Werken. Fast 20 Jahre bleibt Holger Lehrer. Er unterrichtet an drei verschiedenen Schulen Kinder zwischen der vierten und der neunten, teilweise der zehnten Klasse. Viele Jahre macht er diesen Job sehr gerne. „Ich hatte immer guten Kontakt mit den Schüler:innen und die Zusammenarbeit mit den Eltern und den Kolleg:innen war sehr gut“, sagt er. Über die Jahre jedoch macht ihm der Lärmpegel, den der Schulbetrieb mit sich bringt, mehr und mehr zu schaffen. Doch erst als er nicht mehr ignorieren kann, dass der Funke, der da einmal war, nicht mehr glimmt, denkt Holger an eine Veränderung. „Das ist ein Prozess, der in einem wächst und den man lange nicht wahrhaben möchte“, sagt er rückblickend. „Irgendwann habe ich aus Spaß zu einem Kollegen gesagt: ‚Wenn mir das hier alles zu doof wird, dann werde ich Lokführer’“, schmunzelt er. Der Gedanke, dass er das tatsächlich tun könnte, kommt nicht von heute auf morgen. Doch er kommt – und irgendwann gibt Holger im nach.

Auf Anschlusssuche
Zunächst schaut er sich in Dänemark nach einer Ausbildungsmöglichkeit um. Doch hier gibt es keinen Bedarf, also finden auch keine Ausbildungen statt. Als nächstes versucht Holger es bei der Deutschen Bahn. Hier hätte er auch sofort anfangen können, allerdings 200 Kilometer entfernt, südlich von Hamburg. Das ist zu weit zum Pendeln und wieder nach Deutschland zu ziehen kommt für Holger nicht in Frage. Jetzt gibt es nur noch zwei Möglichkeiten: Den Traum aufgeben, oder sich noch weiter in Richtung Norden oder Süden orientieren. Die Wahl fällt auf den Süden – sowohl Holger als auch Petra finden die Berge gut und kennen Österreich und die Schweiz aus Urlauben. Also bewirbt Holger sich bei einer Schweizer Privatbahn und bei den ÖBB. „Für mich war es nicht selbstverständlich, dass ich genommen werde, wenn ich mich da mit Mitte 50 bewerbe.“ Doch sein Alter entpuppt sich bei den ÖBB nicht als Hinderungsgrund. Auch den Bewerbungsprozess an sich empfindet er als sehr professionell und herzlich.

Für mich war es nicht selbstverständlich, dass ich genommen werde, wenn ich mich da mit Mitte 50 bewerbe.
Holger Hansen
Nächster Halt: Vorarlberg
Zunächst absolviert Holger online einige Tests und ein telefonisches Interview. Anschließend wird er zu einem persönlichen Gespräch und weiteren Tests nach Innsbruck eingeladen. Im September 2024 beginnt die Ausbildung. Die Theorie absolviert er im Blockunterricht am Ausbildungscampus in St. Pölten, Fahrpraxis erlangt er in sogenannten „Beimannzeiten“ in Begleitung eines erfahrenen Ausbildners von Bludenz aus in Vorarlberg. Während Holgers junge Kollegen häufig mit technischen Skills glänzen, bringt er einiges an Lebenserfahrung mit. Er kann mit stressigen Situationen umgehen, ist es gewohnt Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und Risiko sowohl einzuschätzen als auch zu minimieren. Eigenschaften, die sich wie ein roter Faden durch Holgers Berufsleben zeihen und auch am Führerstand einer Lok gefragt sind. Im September 2025 schließt Holger seine Ausbildung erfolgreich ab. Bei der Entscheidung, ob er lieber in Niederösterreich oder in Vorarlberg arbeiten möchte, macht Bludenz mit seinen umliegenden Bergen und der Nähe zum Bodensee das Rennen. Inzwischen sind Holger und Petra auch längst in die Alpenstadt umgezogen. Heute fährt der frisch gebackene Lokführer seine Dienste im Umkreis von 60 Kilometern, sprich: zwischen Bregenz und Landeck.
Bis zur Pension auf Schiene
„Was ich jetzt tue, fühlt sich richtig an“, sagt Holger. „Vor dieser Entscheidung hatten wir schon begonnen, auf den Vorruhestand zu sparen. Das ist jetzt überhaupt kein Thema mehr.“ Er hat vor, seinen Beruf bis zum Ruhestand auszuüben. Und wie ist es mit der Routine? „Ich merke natürlich, dass ich bei den einzelnen Handgriffen routinierter werde“, räumt Holger ein. Aber: „Von Routine im Sinne von Langeweile ist da keine Spur. Ich freue mich nach jeder Schicht schon wieder auf die nächste.“
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