„Ich musste mir überlegen, was ich will: Viel Geld verdienen, oder meine Gesundheit in den Fokus stellen.“

Bei der letzten ArbeitsLebensGeschichte im Frühjahr haben die Gäste viel gelacht – und dabei erfahren, wie Mike Reisinger Schwimmen gelernt hat, warum er lieber zahnmedizinischen Bedarf als Zuckerzeug verkauft und wie es dazu gekommen ist, dass er seinen äußerst lukrativen Job als Vertriebsleiter in der Dentalbranche trotzdem an den Nagel gehängt hat. Seit sechs Jahren ist Mike, den viele nur als „Lupo“ kennen, nun Bademeister aus Leidenschaft.
„Und jetzt: Schwimm!“, ist das erste, was der damals 12-jährige Mike hört, als er prustend aus dem Schwimmbecken auftaucht, in das ihn sein Onkel – und Schwimmlehrer – eben ohne Vorwarnung geworfen hatte. Die Methode ist fragwürdig, doch sie funktioniert. Zumindest ist der Ehrgeiz des jungen Nüzigers geweckt. Er tritt dem Schwimmclub Bludenz bei, nimmt schon bald an Wettkämpfen teil und bringt es bis zum Landes-Vizemeister. Diese Einstellung scheint auch in beruflicher Hinsicht charakteristisch zu sein für Mike. Auch wenn, wie er sagt, seine Laufbahn von Zufällen geprägt ist: Geformt ist sie vom Mut, Dinge einfach auszuprobieren, dem Willen, einmal gesteckte Ziele zu erreichen und vielversprechende Wege auch dann einzuschlagen, wenn eben dieses Ziel noch gar nicht in Sicht ist.

Sein BWL-Studium in Innsbruck finanziert Mike sich selbst. „Skikurse, Kellnern, Betonkosmetik oder Kraftwerkswartungen– ich habe alles gemacht, womit ich ein paar Schillinge verdienen konnte“, erzählt er. Seinen ersten regulären Job nach dem Studium findet Mike bei Eduard Haas in Linz. Dort wird er erst Junior Produkt Manager und kurze Zeit später Produkt Manager für Süßwaren – bis ihn ein sehr lukratives Jobangebot als Marketingleiter für ein Unternehmen in Vorarlberg zurück in seine Heimat holt. Bald jedoch stellt sich heraus, dass er in diesem Job nicht glücklich werden wird. Also macht er sich auf die Suche nach etwas anderem, das interessant klingt und gut bezahlt ist. Bei Ivoclar in Liechtenstein wird Mike fündig.
Von Zuckerwaren zur Zahnmedizintechnik
Er bewirbt sich als Werbeleiter, bekommt dann aber eine Stelle in der Marktforschung. Seine Aufgabe: Die Abteilung von Null auf aufzubauen. Als das getan ist, wechselt er nach circa fünf Jahren schließlich doch ins Marketing. Parallel dazu unterrichtet Mike Marketing und Organisation am WIFI in Dornbirn und an der MKS Kaderschule in Sargans. Um die Jahrtausendwende drückt Mike selbst noch einmal die Schulbank: Er absolviert einen Executive MBA in Zürich und New York. Zu jener Zeit hatte er bereits ins Produktmanagement gewechselt. Von der Idee bis zur Markteinführung und darüber hinaus ist er dort für verschiedene zahnärztliche Produkte verantwortlich. Er mag seinen Job – bis er eines Tages aus dem Urlaub zurückkommt und einen neuen Chef hat. „Ich war ziemlich vor den Kopf gestoßen, weil ich davon ausgegangen bin, dass ich zumindest eine Chance auf diese Beförderung habe“, erzählt Mike. Doch von diesem Zeitpunkt an geht es bergab. „Ich wurde so mit Arbeit zugedeckt, dass ich irgendwann sagen musste: Ich schaffe das nicht mehr.“ Neben seinen laufenden Projekten und dem Studium sieht Mike keine andere Möglichkeit, als dem massiven Druck nachzugeben und zu kündigen.
„Ich wurde so mit Arbeit zugedeckt, dass ich irgendwann sagen musste: Ich schaffe das nicht mehr.“
Mike Reisinger
Acht Jahre innovative „Steinzeit“
Kurz darauf trifft Mike einen ehemaligen Arbeitskollegen. Dieser erzählt ihm von einer Idee, an der er gerade mit einem anderen ehemaligen Kollegen tüftelt. In der Zahnmedizin werden lichthärtende Polymere als Füllungsmaterialien verwendet. Und weil der größte Unterschied zwischen einem Naturstein und einem Zahn der ist, dass an letzterem ein Mensch dranhängt, eignen sich diese Polymere auch vortrefflich zur Reparatur von Natursteinplatten und ähnlichem. Und genau diesen Technologietransfer wollen die beiden zur Marktreife bringen. Mike ist begeistert und steigt mit ein. Acht Jahre lang arbeitet er bei dem in Vorarlberg ansässigen Unternehmen mit. Zunächst am Aufbau, später ist er für den Einkauf und dann als Leiter der Business-Unit Steinreparatur für den internationalen Vertrieb und die Produktschulungen verantwortlich. Eine tolle Zeit, die leider knapp drei Jahre nach der globale Finanz- und Bankenkrise von 2008 durch deren Folgen ein Ende findet.
Zurück zur Zahnmedizintechnik
Mit knapp Fünfzig ist es für den Vater eines inzwischen vierjährigen Sohnes nicht mehr einfach, beruflich neu Fuß zu fassen. „Mit meiner Ausbildung und Erfahrung war ich eigentlich hochqualifiziert und habe trotzdem lange keinen Job gefunden“, erinnert sich Mike. Er bewirbt sich in alle Richtungen, unter anderem auch bei Dentsply, einem amerikanischen Konzern und dem heute weltweit größten Hersteller für zahnmedizinische Produkte. Dort bekommt er beim zweiten Anlauf einen Job als Vertriebsleiter für hochpräzise Metallelemente für Zahnspangen. In dieser Funktion muss er die gesamte Schweiz abdecken, vom Tessin bis in die Romandie, wo Französisch Grundvoraussetzung für gute Geschäftskontakte ist. Mit seinen rudimentären Sprachkenntnissen aus HAK-Zeiten beißt sich der ansonsten so redegewandte Verkäufer bei so mancher Ordinationsassistenz die Zähne aus.

Viele leere Kilometer
Auf die Dauer jedoch ergibt sich noch ein ganz anderes Problem. Mit so einem großen Einzugsgebiet sitzt Mike praktisch nur im Auto. „Ich bin ungefähr 60.000 bis 70.000 Kilometer im Jahr gefahren. Da kann man sich vorstellen, wie viel Zeit übrig bleibt, um eine Kundin oder einen Kunden zu besuchen“, legt er dar. Trotzdem ist er im DACH-Raum einer der Top-Verkäufer im Konzern. Als eines Tages ungeachtet dessen die Order kommt, er müsse den Jahresumsatz im vierten Quartal noch verdoppeln, streikt sein Körper. „Ich bin in der Nacht schweißgebadet aufgewacht, hatte Panikattacken und schließlich so einen Druck in der Brust, dass ich dachte ich hätte einen Herzinfarkt“, erinnert Mike sich mit Schaudern. Sein Arzt schickt ihn umgehend ins Krankenhaus. Dort gibt es zwar Entwarnung, doch der inzwischen 58-Jährige nimmt die Anzeichen ernst: „Ich musste mir überlegen, was ich will: Viel Geld verdienen oder meine Gesundheit in den Fokus stellen.“

Mike kündigt und steht erneut vor der Frage, wie es weitergehen soll. Immerhin: Finanzielle Sorgen hat er keine, denn dank seinem hervorragenden Verdienst zuvor ist auch die Arbeitslosenunterstützung beachtlich. Eigentlich könnte er sich eine gute Zeit machen, sich erholen und das Leben genießen. Eine Zeitlang macht er das auch. Zum Beispiel, indem er sich mitten unter der Woche den Luxus gönnt, ins Waldbad Giesingen zu gehen.
Kopfsprung in die Work-Life-Balance
Dort trifft er den Badleiter Wolfgang, den er von der Wasserrettung kennt, bei der auch Mike seit über 25 Jahren Mitglied ist. Als Wolfgang erfährt, dass „Lupo“, wie ihn bei der Wasserrettung alle nennen, nun so viel Zeit hat, fragt er ihn, ob er nicht für eine Saison als Bademeister aushelfen möchte. Das ist inzwischen sechs Jahre her.
„Ich bin da zufällig in einen Job hineingeraten, der mir Freude macht.“
Mike Reisinger
Heute ist Mike im Ruhestand. Zumindest theoretisch. Denn diese und vielleicht noch eine weitere Saison wird er noch als Bademeister arbeiten. Weil es Spaß macht, weil Wasser sein Element ist und weil es ein gutes Gefühl ist, da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht. Natürlich hat er als Bademeister auch weniger heroische Aufgaben, als Leben zu retten. Das Bad für die Saison vorzubereiten gehört genauso dazu, wie die Wasserqualität im Auge zu behalten oder Jugendliche darauf aufmerksam machen, dass es nicht erlaubt ist, mit der Unterhose ins Wasser zu hüpfen. Ganz alltägliche Dinge eben. Trotzdem: „Ich bin da zufällig in einen Job hineingeraten, der mir Freude macht“, sagt er.
… und dann?
Wie wird es in der Pension weitergehen? In seiner Freizeit gibt Mike bereits seit Jahren Schwimmkurse für Kinder, das wird er auch weiterhin tun. In der Wintersaison arbeitet er seit einigen Jahren wieder freiberuflich für das Unternehmen mit den Steinreparatur-Polymeren, gibt Schulungen und besucht internationale Messen. Außerdem spielt er mit dem Gedanken, noch einmal studieren zu gehen. „Vielleicht Geografie, oder Politikwissenschaft.“ Außerdem macht er derzeit einen Imkerkurs – ein Thema, das den vielseitig interessierten Fast-Pensionär ebenfalls brennend interessiert. „Langweilig wird es mir hoffentlich nicht werden“, sagt er lachend. Es ist anzunehmen, dass er einen Weg finden wird, das zu vermeiden. Und es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass es ein sehr überraschender sein wird.
















