„Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gerne aufstehe und in die Schule fahre“

Die Kinder sind aus dem Haus und der Job hat auch schon mal mehr Spaß gemacht. Doch statt sich dem Frust hinzugeben, fasst Birgit Wrann einen spontanen Entschluss. Mit 48 Jahren meldet sie sich zur Studienberechtigungsprüfung an, um doch noch Lehrerin zu werden. Woher Birgit den Mut dafür genommen und wie sie ihre Familie dabei unterstützt hat, ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, hat Brigit Wrann bei den ArbeitsLebensGeschichten erzählt.
„Es muss sich etwas ändern.“ So richtig bewusst wird Birgit dieser Gedanke das erste Mal beim Fensterputzen an einem ansonsten ganz gewöhnlichen Nachmittag. Wirklich zuordnen kann sie dieses Gefühl der Unzufriedenheit nicht – und trotzdem nagt es an ihr. Denn eigentlich ist alles in Ordnung. Ihr Job im Unternehmen ihres Mannes lässt ihr viel Freiraum, um sich um das Haus, den Garten und ihre ehrenamtlichen Aktivitäten zu kümmern. Und doch: Es hat sich eine Routine eingeschliffen, die sich ständig wiederholt. Irgendetwas fehlt. Doch auf die Idee, doch noch den Traumberuf zu ergreifen, den sie bereits als Kind hatte, wäre Birgit zu dem Zeitpunkt nie gekommen.

Ein Kindheitstraum wird erwachsen
Schon als Kind träumt Birgit davon, später einmal Lehrerin zu werden. In Ermangelung einer Tafel kritzelt sie den „Unterrichtsstoff“ an ihren Kleiderkasten und stellt sich vor, im Klassenzimmer statt in ihrem Kinderzimmer zu stehen. Doch warum verfolgt sie diesen Traum nicht gleich von Anfang an? „Ich trau es mich fast nicht laut zu sagen, aber ich selbst bin gar nicht gerne in die Schule gegangen“, sagt sie und lächelt ein klitzekleines bisschen verschämt. Deshalb kann sie es auch kaum erwarten, nach der Handelsschule endlich nicht mehr lernen zu müssen. Also sucht sie sich einen Job, irgendwas im Büro.
Berufseinstieg im Frontoffice
Birgit fängt im Frontoffice eines Immobilienbüros an und macht dort alles, was so anfällt: Briefe schreiben, Kopien anfertigen, Eingangs- und Ausgangsrechnungen, die Ablage und so weiter. Nach zwei Jahren wechselt sie in die Wirtschaftskammer, in die Abteilung für Arbeitsrecht. Dort ist sie ebenfalls für das Büro zuständig. Doch ihrem Chef entgeht Birgits Interesse für die Materie nicht. Also ermöglicht er es der jungen Sekretärin, sich neben der Büroarbeit auch in den Gesetzeskodex einzuarbeiten und einfache Beratungsgespräche selbst zu führen. „Im Grunde waren es meistens ähnliche Fragen zu denselben Themen“, erzählt Birgit. Größtenteils geht es um Kündigungen, Gehaltsansprüche und Ahnliches. „Wenn man weiß, was in den jeweiligen Gesetzen steht, kann man die meisten Fragen recht einfach beantworten.“ Diese Aufgabe macht Birgit großen Spaß und sie bleibt in der Abteilung, bis sie 1999 das erste Mal schwanger wird.
Die Familie an erster Stelle
Die nächsten Jahre widmet sich Birgit voll und ganz ihrer Familie. Nach Matthias folgt 2002 die Geburt ihres zweiten Sohnes Jonas. Wenig später übernimmt ihr Mann Hannes gemeinsam mit seinem Partner die Geschäftsleitung der Firma, in der er bis dahin angestellt war. Mit der Verantwortung steigt auch das Arbeitspensum. 60-Stunden-Wochen sind jetzt ganz normal. Daraus ergibt sich automatisch die Arbeitsteilung zu Hause. Für Birgit ist das völlig in Ordnung. Mehr noch: „Ich bin sehr dankbar, dass ich mit den Kindern daheim bleiben konnte“, sagt sie.
„Ich bin sehr dankbar, dass ich mit den Kindern daheim bleiben konnte.“
Birgit Wrann
Neben ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter engagiert sie sich ehrenamtlich intensiv in ihrem Heimatort Röns. Insbesondere in der Pfarre ist sie sehr aktiv. Sie singt und ist Vorstandsmitglied in einem Chor, ist in der Erstkommunionsbetreuung tätig und arbeitet im Pfarrgemeinderat mit. Erst als auch Felix, ihr Jüngster, in den Kindergarten kommt, beginnt Birgit nebenbei ein paar Stunden im Unternehmen ihres Mannes zu arbeiten. „Das war wirklich ein Luxus. Ich konnte mir völlig frei einteilen, wann und wie viel ich arbeiten wollte“, erzählt sie. Zunächst kümmert sie sich größtenteils um die Deko. Nach und nach arbeitet sie sich in die Angebotslegung ein und erstellt Kalkulationen. Die Jahre vergehen, doch die Aufgaben bleiben mehr oder weniger die selben. Alles plätschert so dahin. Und Birgit wird unruhig.

Der Große als Vorbild
Eines Tages kommt ihr ältester Sohn Matthias heim. Seine Vorfreude auf das beginnende Studium steht ihm ins Gesicht geschrieben: Er will Lehrer werden. „Da erst ist mir so richtig bewusst geworden, dass ich das eigentlich auch immer wollte“, erinnert sich Birgit. Sie erzählt Matthias von ihrem früheren Berufswunsch und dem Bedauern, dass es dafür mit 48 Jahren viel zu spät sei, so ganz ohne Matura und Studium. „Aber mein Sohn meinte nur: Probiere es doch wenigstens. Du hast ja nichts zu verlieren“, erzählt Birgit. Anstatt lange nachzudenken, erkundigt sich Birgit daraufhin nach Möglichkeiten, die Matura nachzuholen und entscheidet sich schlussendlich für den kürzesten Weg: die Studienberechtigungsprüfung.
„Mein Sohn meinte nur: Probiere es doch wenigstens. Du hast ja nichts zu verlieren.“
Birgit Wrann
Wer lehren will, muss lernen
„Zum Glück hatte ich nicht lange Zeit zu überlegen“, sagt Birgit im Nachhinein, „sonst hätte ich sicherlich einen Rückzieher gemacht.“ Denn was jetzt kommt, stellt Birgits Alltag – und auch den ihrer Familie – völlig auf den Kopf. Ab Herbst 2021, mehr als 30 Jahre nach ihrem Schulabschluss, drückt Birgit wieder die Schulbank. Eine zähe Angelegenheit, denn auch das Lernen muss sie erst wieder lernen. Erneut ist es einer ihrer Söhne, diesmal Jonas, der sie unterstützt: „Er hat mit mir Mathematik gelernt und mich so durch die Prüfung geboxt“, erzählt Birgit. Auch ihr Mann leistet einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Vorhabens: Hannes erklärt sich bereit, in der Firma zurückzustecken und sich um den Haushalt zu kümmern. Das schafft für Birgit den nötigen Freiraum, sich ganz auf die Studienberechtigungsprüfung zu konzentrieren.

Der Sprung ins kalte Wasser
Birgits Plan: Zuerst die Studienberechtigung, dann sehen wir weiter. Ob und wie sie das Lehramts-Studium wirklich durchziehen wird, weiß sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Dass gerade nach ihrer bestandenen Prüfung erstmals ein berufsbegleitendes Lehramtsstudium angeboten wird, erleichtert ihr die Entscheidung sehr. Zumal sie fast zeitgleich einen Anruf von einer guten Bekannten bekommt. „Sie hat mich gefragt, ob ich an ihrer Schule unterrichten möchte“, erzählt Birgit. Aber wie sollte das gehen? Birgit hatte ja noch nicht einmal mit der eigentlichen Ausbildung angefangen.
Doch durch dieses erneute Zutrauen von außen fasst Birgit den Mut, es zu versuchen. Die einzige Bedingung: Sie musste studieren. Also packt sie das berufsbegleitende Studium gleich mit an.
Learning by teaching
Auch wenn es immer wieder Momente gibt, in denen ihr alles zu viel wird, das Lernen fällt ihr überraschend leicht und auch die Studienkolleg:innen sind eine „ganz tolle Truppe, die einander immer wieder pusht und motiviert“. Parallel zur gesamten Studienzeit unterrichtet Birgit in der Volksschule Fontanella Deutsch, Religion und Werken – zunächst für sechs Stunden, inzwischen sind es bereits zum zweiten Mal 18 Stunden. Nach den ersten Schwierigkeiten, mit denen wohl jede:r neue Lehrer:in konfrontiert ist, hat sie sich auch didaktisch gut eingefunden. Zum einen durch die wertvolle Unterstützung aus dem Kollegium, das ihr vom ersten Tag an mit Rat und Tat zur Seite steht. Und zum anderen durch die berufsbegleitende Ausbildung. So kann sie gleich anwenden, was sie im Studium lernt. Im Juni 2026 schließt Birgit ihre Ausbildung mit ihrer Bachelorarbeit ab. Hat sie vom Lernen jetzt wieder genug? „Ich habe mich mal für den Master angemeldet“, sagt die heute 52-Jährige und ergänzt schmunzelnd: „Jetzt, wo wir zuhause so gut eingespielt sind …“ Doch der eigentliche Grund für ihre Motivation weiterzulernen liegt darin, dass sich Birgits Kindheitstraum mit Anfang 50 offenbar tatsächlich erfüllt hat. „Für mich ist Lehrerin zu sein kein Beruf, es ist ein Hobby. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht gerne aufstehe und in die Schule fahre“, sagt Birgit. Und das sagt eigentlich alles.
















